· 

Juni: Hier & Jetzt

Wenn das Nervensystem übernimmt – und wie wir den Weg zurück ins Hier und Jetzt finden

Im letzten Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass Leichtigkeit nicht bedeutet, nie wieder zu fallen. Sondern, dass wir lernen, uns selbst nicht zusätzlich schwer zu machen. Und trotzdem ist es mir erst kürzlich wieder passiert.

Wissen allein schützt uns nicht vor Triggern.

Es gibt Momente, in denen das Nervensystem schneller reagiert als unser Verstand.

Ich war in einer Situation, aus der ich gedanklich einfach nicht mehr herausgefunden habe. Meine Gedanken haben sich im Kreis gedreht, ich war traurig, wollte alles verstehen, alles analysieren und für alles eine Erklärung finden. Doch mit jedem Gedanken habe ich mich weiter nach unten gezogen.

 

Im Nachhinein wurde mir klar: In diesem Moment wurden gleich mehrere alte Prägungen und Muster in mir aktiviert.

Obwohl ich viele Techniken kenne und obwohl ich weiß, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu bleiben, habe ich es in diesem Augenblick nicht geschafft. Und genau das möchte ich dir heute mitgeben: Das ist menschlich.

Was ist eigentlich das Nervensystem?

Ich möchte daraus keine wissenschaftliche Abhandlung machen. Für mich ist das Nervensystem vielmehr unser inneres Sicherheitssystem – oder, bildlich gesprochen, für mich fühlt sich das Nervensystem wie ein Schutzpanzer für unsere Seele an – es möchte uns beschützen. Manchmal allerdings vor Gefahren, die längst vergangen sind.

 

Es prüft ununterbrochen: Bin ich sicher oder bin ich in Gefahr?

Und mit „Gefahr“ ist nicht nur eine körperliche Bedrohung gemeint. Für unser Nervensystem kann sich auch emotionale Unsicherheit wie Gefahr anfühlen.

Sicherheit bedeutet zum Beispiel, gesehen und gehört zu werden. Sich verstanden zu fühlen. Mit Respekt behandelt zu werden. Sich zeigen zu dürfen, wie man wirklich ist, ohne Angst vor Ablehnung oder Verurteilung.

Gefahr kann dagegen bedeuten, unfair behandelt zu werden, ständig kritisiert zu werden, dass eigene Grenzen überschritten werden oder man das Gefühl hat, nicht verstanden oder nicht ernst genommen zu werden.

 

Je nachdem, welche Erfahrungen wir in unserem Leben gemacht haben, können genau solche Situationen alte Wunden berühren. Unser Nervensystem reagiert dann oft blitzschnell – noch bevor unser Verstand überhaupt einordnen kann, was gerade passiert. Deshalb können alte Verletzungen oder Prägungen plötzlich wieder präsent sein, obwohl wir sie längst verstanden glaubten und reagieren manchmal so intensiv auf Situationen, die objektiv gar nicht bedrohlich sind.

 

Wir kämpfen oft gegen unsere Gedanken – dabei sucht unser Körper Sicherheit

 

Wenn unser Nervensystem Alarm schlägt, beginnen viele von uns zu grübeln. Die meisten Menschen versuchen, ihre Gedanken zu beruhigen. Dabei braucht ihr Nervensystem das Signal, dass es sicher ist. Das ist ein riesiger Unterschied.

 

Wir analysieren. Wir zerdenken. Wir suchen nach Antworten.

Doch das beruhigt unser System meistens nicht – im Gegenteil. Oft verstricken wir uns immer tiefer in unseren Gedanken und verlieren den Kontakt zum gegenwärtigen Moment. Das Traurige daran ist: Während wir innerlich kämpfen, verpassen wir manchmal genau die schönen Augenblicke, die gerade stattfinden. Wir stehen uns selbst im Weg und können besondere Momente nicht wirklich genießen.

Wie komme ich zurück ins Hier und Jetzt?

Es gibt keine Technik, die alte Prägungen von heute auf morgen auflöst. Aber hier ein paar einfache Techniken, die helfen können, dem Nervensystem das Signal zu geben: Du bist sicher. Du darfst loslassen. Alles ist gut.

🌿 1. Atmen – aber bewusst

Nicht einfach „tief durchatmen“, sondern das Ausatmen verlängern. Ein längeres Ausatmen aktiviert den Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Regeneration zuständig ist.

 

🌿 2. Den Körper wahrnehmen statt den Gedanken folgen. Das bringt die Aufmerksamkeit zurück in den Moment.

Wenn wir getriggert sind, leben wir oft nur noch im Kopf. Frage dich dann: Was spüre ich gerade in meinem Körper? Wo halte ich Spannung? Kann ich meine Füße am Boden wahrnehmen?

 

🌿 3. Orientierung im Raum

Eine einfache, aber wirkungsvolle Übung: Langsam den Blick durch den Raum schweifen lassen und bewusst wahrnehmen, was dich umgibt. Das signalisiert dem Nervensystem: Es gibt gerade keine unmittelbare Gefahr.

 

🌿 4. Bewegung statt Erstarren

Ein kurzer Spaziergang, sanftes Dehnen oder Ausschütteln kann helfen, aufgestaute Anspannung abzubauen. Unser Körper ist dafür gemacht, Stress auch körperlich zu verarbeiten.

 

🌿 5. Den Kontakt zur Natur suchen

Barfuß gehen, einen Baum berühren, den Wind auf der Haut spüren oder bewusst den Geräuschen draußen lauschen – solche Sinneseindrücke können beruhigend wirken und helfen, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen.

 

🌿 6. Nicht gegen das Gefühl kämpfen

Je mehr wir versuchen, ein unangenehmes Gefühl wegzudrücken, desto lauter klopft es an. Manchmal beginnt Regulation genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.

 

🌿 7. Sicherheit bewusst aussprechen

Ein einfacher innerer Satz kann helfen: „Ich bin gerade sicher. Mein Körper reagiert auf eine alte Erfahrung – aber im Hier und Jetzt bin ich in Sicherheit.“ Nicht als magische Formel, sondern als Einladung an das Nervensystem, die aktuelle Situation neu zu bewerten.

 

Diese Übungen wirken vielleicht unspektakulär. Aber genau darin liegt ihre Kraft.

 

Selbst wenn wir unsere Muster kennen, reagieren wir manchmal trotzdem aus ihnen heraus. Das ist kein Scheitern – sondern eine Einladung, unserem Nervensystem mit mehr Verständnis und weniger Härte zu begegnen.

 

Denn genau dort entsteht echte Leichtigkeit.